Liebe Leser:innen,

in meiner Praxis für somatische Stressregulation, begegne ich immer wieder Menschen die über spontane Bewegungsphänomene berichten: unwillkürliches Zittern, wellenartige Bewegungen, das Gefühl, dass „Energie“ durch den Körper läuft, Hitze entlang der Wirbelsäule oder spontane Yoga- oder schlangenartige Bewegungen.

Manche erleben es als befreiend, manche als überwältigend, manche als beides. Als Kundalini-Yoga-Lehrerin, Breathwork und TRE-Practitioner kenne ich diese Zustände aus eigener Praxis – und aus unterschiedlichen Bewegungstraditionen wie dem Continuum Movement, spontanem Qigung, Kazugen Undo, Tandava und Latihan.

In der Osteopatie und Craniosacraltherapie spricht man von Unwinding. Manchmal sind unwillkürliche Bewegungen, eher langsam, manchmal kommen blitzartige Bewegungen, zittern oder eher wellenartige Bewegungen. Es kann  sich orgasmisch, extatisch anfühlen, in Verbindung mit allerlei Emozionen, manchmal einfach motorisch, trocken, viszeral. Es bewegt mich… Ich werde Bewegt.

Hat das was mit Kundalini zu tun?
Ist es Trauma releace?
Oder einfach Selbstregulation?

Jenseits spiritueller Deutungen lohnt sich, aus meiner Sicht, die grundlegende Frage: Was passiert da eigentlich im Nervensystem?

Spontane Bewegungen entstehen, wenn der präfrontale Kortex (Kontrolle) sich entspannt, subkortikale Bewegungsprogramme aktiviert werden und das autonome Nervensystem zwischen Aktivierung und Entladung oszilliert. In der Traumatherapie – z. B. nach Peter A. Levine – werden neurogene Tremor-Mechanismen als natürliche Regulationsprozesse verstanden.

Das heißt: Der Körper besitzt eine innewohnende Fähigkeit zur Selbstregulation. Aber – und das ist entscheidend – nicht jede Aktivierung ist automatisch Integration.

In meiner Praxis unterscheide ich daher weniger zwischen „spirituell“ oder „nicht spirituell“, sondern danach, ob das Nervensystem organisiert oder dysreguliert ist. Ein regulierender Prozess führt zu mehr Erdung, klareren Grenzen, besserem Schlaf und Alltagspräsenz. Ein überfordernder Prozess kann hingegen Schlaflosigkeit, innere Unruhe, Dissoziation oder Angst erzeugen. Intensität allein ist kein Qualitätsmerkmal.

Besonders bei Menschen mit komplexer Traumabiografie ist Vorsicht geboten. Sie verfügen oft über hohe Aktivierbarkeit, fragile Regulation und schnelle Dissoziation. Hier braucht es Dosierung, Pendulation, Ressourcenaufbau und Integration. Nicht jede starke Bewegung ist ein „Durchbruch“ – manchmal ist sie ein Zeichen von Überlastung.

Integration ist der Schlüssel

Öffnung ohne Integration kann fragmentieren.
Integration ohne Öffnung kann stagnieren.
In meiner Arbeit steht deshalb nicht die Intensität im Vordergrund,
sondern die Fähigkeit, im eigenen Körper sicher zu bleiben.

Spontane Bewegungen im Gruppenkontext

Spontane Bewegungen in Gruppenprozessen, die als „Kundalini-Aktivierung“ oder Energieübertragung bezeichnet werden. Hier liegt der Fokus oft auf kollektiver Öffnung, intensiver Musik und einer Person, die den Prozess initiiert.

Gruppensettings können kraftvoll sein und Ko-Regulation ermöglichen, doch zusätzlich wirken Gruppendynamik, Spiegelneuronen, Erwartungshaltungen, Autoritätsprojektionen und emotionale Ansteckung. Das Nervensystem reagiert nicht nur auf „Energie“, sondern auf Beziehung, Kontext und implizite Hierarchie.

Im klassischen Kundalini-Yoga – wie etwa in der Hatha Yoga Pradipika beschrieben – basiert die Praxis primär auf Selbstinitiierung: Atemführung, Bandhas, Konzentration, disziplinierte Eigenpraxis. Hier wird nicht etwas von außen übertragen, sondern durch kontinuierliche Praxis im eigenen System kultiviert.

Hier werde ich oft etwas Mistrauisch wenn ich höre, was da für Guru-Projektionen und Power-Dynamiken am wirken sind.

In meinen Kundalini Yoga Kursen ist mir deshalb immer wieder wichtig zu betonen, dass es nicht um die aktivierung der Kundalini perse geht, sondern eher um das loslassen von Spannungen die die Lebensenergie hindern zu fliessen. Die Selbstinitiierte Praxis stärkt in der Regel Selbstwirksamkeit, Eigenverantwortung und innere Autorität. Gruppenbasierte Aktivierung kann hingegen – besonders bei vulnerablen Nervensystemen – auch Abhängigkeit oder Übererregung fördern, wenn Integration nicht ausreichend begleitet wird.

Gerade bei Menschen mit komplexer Traumabiografie ist deshalb entscheidend: Wird innere Kompetenz aufgebaut – oder entsteht der Eindruck, dass Transformation von außen „gegeben“ werden muss?

Aus diesem Grund unterrichte ich TRE / Neurogenes Zittern/ Psoas releace, vorwiegend im Einzelsetting, da ich da am Besten auf meine Klienten eingehenkann. Mein Anliegen ist klar: Ich möchte Menschen darin begleiten, ihre körperlichen Prozesse zu verstehen, zu regulieren und zu integrieren, ohne dass sie sich überfordert fühlen oder ihre Selbstwirksamkeit verlieren.

Wenn du selbst spontane Bewegungen erlebst und unsicher bist, ob dein System reguliert oder überfordert ist, begleite ich dich gern in einem sicheren, somatischen Rahmen.

Herzlich,

Cristina Hagmann

 

 

 

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